„Zukunft entsteht im Miteinander“ – Ein Gespräch mit Harry Gatterer
Mit vier gemeinsamen Veranstaltungen in Essen und Bochum haben die IHK zu Essen und die IHK Mittleres Ruhrgebiet zusammen mit dem Zukunftsinstitut zentrale Zukunftsfragen auf die Agenda gesetzt: von Arbeit und Sicherheit über Industrie bis hin zur Gesundheitswirtschaft. Zukunftsforscher Harry Gatterer ordnet ein, warum diese Themen gerade jetzt entscheidend sind, welche Rolle regionale Netzwerke spielen und wie Unternehmen in Zeiten des Wandels handlungsfähig bleiben.

Was verband die vier Zukunftsforen in Essen und Bochum?
Harry Gatterer: Wenn ich auf die Veranstaltungen zurückblicke, erkenne ich eine gemeinsame Bewegung: Die Region will die Zukunft nicht vorhersagen, sondern verstehen. In Gesprächen, Workshops und Auswertungen der Trendradare zeigt sich eine klare Grundlogik: Konnektivität ist die zentrale Zukunftskompetenz. Es geht um die Fähigkeit, Verbindungen zu schaffen – zwischen Menschen, Institutionen, Technologien und Systemen.
Dieses Muster findet sich in allen Trendradaren wieder, ob Arbeit, Gesundheit, Industrie oder Sicherheit. Besonders die Sicherheitsszenarien machen sichtbar, wie stark Zukunftsfähigkeit an Vertrauen, Kommunikation und Resilienz geknüpft ist. Zukunft ist kein linearer Fortschritt, sondern ein Netzwerk wechselseitiger Abhängigkeiten.
Warum sind gerade Arbeit, Sicherheit, Industrie und Gesundheitswirtschaft so relevant?
H.G.: Weil sie die tragenden Säulen unserer Gesellschaft und Wirtschaft bilden. Die Arbeitswelt wandelt sich rasant: Künstliche Intelligenz verändert Aufgabenprofile, Führung wird persönlicher, Kompetenzen verschieben sich. Das Trendradar „Future of Work“ zeigt, dass wir in eine technosoziale Arbeitswelt hineingewachsen sind, in der KI Menschen nicht ersetzt, sondern unterstützt. Auch die Industrie entwickelt sich weiter: Vernetzung, Automatisierung und gemeinsame digitale Standards sind längst Infrastruktur. Die Szenarien zu einer „vernetzten Ruhrregion“ zeigen, wie stark
Produktivität heute von Interoperabilität abhängt. In der Gesundheitswirtschaft entsteht ein Innovationsschub: digitale Akten, integrierte Versorgung und präventive Diagnostik verändern die Beziehung zwischen Menschen und Gesundheitsdiensten. Die Szenarien aus Essen skizzieren mögliche Wege hin zu einer digitalen Pionierregion. Und schließlich ist Sicherheit heute kein Randthema mehr. Sie ist das Fundament für alles andere – von Energieversorgung bis politischer Stabilität. Die Bandbreite der Szenarien reicht von einer vertrauensvollen bis zu einer desinformierten Ruhrregion.
Was hat Sie an der Zusammenarbeit mit den IHKs beeindruckt?
H.G.: Die Offenheit gegenüber Komplexität. Die IHK zu Essen und die IHK Mittleres Ruhrgebiet wollten keine einfachen Antworten, sondern tragfähige Perspektiven. In den Workshops kamen Menschen zusammen, die das Ruhrgebiet aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kennen. Diese Vielfalt hat die Szenarien enorm gestärkt. Die IHK zu Essen und die IHK Mittleres Ruhrgebiet haben sich als Resonanzräume verstanden – als Orte, an denen Orientierung entsteht, weil unterschiedliche Realitäten miteinander ins Gespräch kommen.
Wie verändert sich die Arbeitswelt – und welche Chancen ergeben sich für den Mittelstand?
H.G.: Die Arbeitswelt wird nicht nur digitaler, sondern auch menschlicher. KI übernimmt Routinetätigkeiten – und dadurch werden Kreativität, Empathie und situatives Denken wichtiger. Für mittelständische Unternehmen entsteht eine große Chance: Wer frühzeitig in Kompetenzen investiert und selbstbestimmtes Arbeiten ermöglicht, steigert seine Attraktivität.

Wie können Unternehmen Sicherheit im Wandel neu denken?
H.G.: Sicherheit entsteht heute nicht durch Abschottung, sondern durch Resilienz. Vertrauen, Transparenz und technologische Souveränität sind entscheidend. Für Unternehmen heißt das: digitale Souveränität aufbauen, Redundanzen schaffen und klare Verantwortlichkeiten etablieren.
Wie können Regionen technologische Dynamiken nutzen?
H.G.: Drei Faktoren prägen Zukunftsfähigkeit: Kooperation, Souveränität und Reallabore. Wo Unternehmen Daten teilen, gemeinsame Standards definieren und Experimentieren möglich ist, entsteht Vorsprung.
Welche Trends sind besonders wichtig?
H.G.: Human Centricity, integrierte Gesundheitsversorgung, Führung im Zeitalter der KI und Resilienz als Wettbewerbsvorteil. Dazu kommen Explorer Networks – offene Wissensnetzwerke als Motor der Innovation.
Welche Bedeutung haben IHKs bei Zukunftsthemen?
H.G.: IHKs sind heute Übersetzer von Zukunft. Die IHK zu Essen und die IHK Mittleres Ruhrgebiet bringen Unternehmen, Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen und schaffen kollektive Zukunftskompetenz.
Was können Wirtschaft und Zukunftsforschung voneinander lernen?
H.G.: Zukunft ist ein Handlungsraum. Unternehmen lernen, Möglichkeiten aktiv zu gestalten – und Zukunftsforschung lernt, dass Zukunft ohne unternehmerische Courage nicht entsteht.
Wie wichtig sind regionale Dialogformate?
H.G.: Sie sind unverzichtbar. Dialog schafft Beziehungen, und Beziehungen sind die Basis jeder Resilienz.
Fazit
Zukunft ist kein Ziel, sondern eine Beziehung. Wer sie aktiv gestaltet – mit Klarheit, Mut und Verbundenheit –, macht Wandel zur Ressource.