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Sicherheit wird zum Standortfaktor und was die neue sicherheitspolitische Lage für Unternehmen in der MEO-Region bedeutet.

Die sicherheitspolitische Lage in Europa hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Was lange Zeit als außen- und verteidigungspolitisches Thema galt, entwickelt sich zunehmend zu einem wirtschaftspolitischen Faktor. Für Unternehmen – auch in der MEO-Region – ergeben sich daraus neue Herausforderungen, aber auch neue Chancen. Das wurde in den vergangenen Wochen bei mehreren Veranstaltungen […]

Die sicherheitspolitische Lage in Europa hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Was lange Zeit als außen- und verteidigungspolitisches Thema galt, entwickelt sich zunehmend zu einem wirtschaftspolitischen Faktor. Für Unternehmen – auch in der MEO-Region – ergeben sich daraus neue Herausforderungen, aber auch neue Chancen.

Das wurde in den vergangenen Wochen bei mehreren Veranstaltungen deutlich, an denen auch unsere IHK beteiligt war: beim Treffen der Hauptgeschäftsführerinnen und -geschäftsführer bei der NATO in Brüssel, beim Parlamentarischen Abend in Berlin zur EuDex – European Defence Expo (22.-26.9. in Essen) sowie beim Kongress Defence.Tech.NRW in Düsseldorf.

Sicherheitspolitik ist auch Wirtschaftspolitik

Beim Besuch von mehr als 70 IHK-Hauptgeschäftsführerinnen und -führern bei der NATO in Brüssel wurde klar: Sicherheit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit sind heute eng miteinander verbunden.

Im Austausch mit dem Ständigen Vertreter Deutschlands bei der NATO, Dr. Detlef Wächter, und Vertreterinnen und Vertretern der Europäischen Kommission ging es unter anderem um die Folgen für Unternehmen. Drei Entwicklungen stehen dabei besonders im Mittelpunkt:

  • Resiliente Lieferketten werden zum Wettbewerbsfaktor: Unternehmen müssen ihre Lieferketten zunehmend gegen geopolitische Risiken, Cyberangriffe oder Energiekrisen absichern.
  • Neue Märkte entstehen im Umfeld der Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft: Gerade für kleine und mittlere Unternehmen können sich neue Kooperations- und Beschaffungsmöglichkeiten ergeben – etwa im Bereich Technologie, Zulieferung oder Infrastruktur.
  • Europa arbeitet an einer stärkeren industriellen Zusammenarbeit: Themen wie „Buy European“, europäische Beschaffungsregeln oder bessere Zugänge für KMU zur europäischen Verteidigungsindustrie gewinnen an Bedeutung.

Für unsere IHK bedeutet das vor allem eine Vermittlungsrolle: Unternehmen über Entwicklungen informieren, Orientierung geben und Vernetzung unterstützen.

Zeitwende: Sicherheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Auch beim Parlamentarischen Abend der Messe Essen zur geplanten EuDex – European Defence Expo in Berlin wurde deutlich, wie stark sich die Rahmenbedingungen verändert haben.

Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen sprach vom Ende der sogenannten „Friedensdividende“. Jahrzehntelang sei Europas Wirtschaftsmodell von stabilen globalen Rahmenbedingungen geprägt gewesen: Energie aus Russland, wachsende Märkte in China und sicherheitspolitische Garantien durch die USA. Dieses Gleichgewicht habe sich inzwischen grundlegend verschoben.

Nordrhein-Westfalen will deshalb seine Rolle als Standort für Sicherheit, Verteidigung und sicherheitsrelevante Technologien stärker ausbauen. Minister Nathanael Liminski betonte, dass Verteidigungsfähigkeit heute eine gesamtstaatliche Aufgabe sei, an der Politik, Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft beteiligt seien.

Ein wichtiger Fokus liegt dabei auf sogenannten Dual-Use-Technologien – also Technologien, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Dazu gehören etwa:

  • Logistik- und Mobilitätslösungen
  • Cyber- und IT-Sicherheitslösungen
  • Technologien für kritische Infrastrukturen
  • Energie- und Resilienztechnologien
Kerstin Groß (2. v. r.) beim Parlamentarischen Abend der Messe Essen mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft und Politik

Infrastruktur, Cyber und Resilienz im Fokus

Generalmajor Andreas Henne, Kommandeur der neuen Heimatschutzdivision der Bundeswehr, machte deutlich, dass sich auch die Bedrohungslage verändert hat. Neben klassischen militärischen Risiken gewinnen hybride Angriffe an Bedeutung – etwa Cyberattacken, Sabotage oder Angriffe auf kritische Infrastruktur.

Der Schutz von Infrastruktur wie Brücken, Bahnstrecken, Energieversorgung oder Kommunikationsnetzen wird damit zu einer zentralen sicherheitspolitischen Aufgabe. Gleichzeitig zeigt sich: Infrastrukturpolitik und Wirtschaftspolitik sind zunehmend auch Teil der Sicherheitsstrategie.

NRW positioniert sich als Standort für Sicherheitstechnologien

Wie stark sich Nordrhein-Westfalen strategisch in diesem Feld positioniert, zeigte der Kongress Defence.Tech.NRW in Düsseldorf.

Die stv. Ministerpräsidentin Mona Neubaur und NRW-Europaminister Nathanael Liminski, machten deutlich, dass das Land künftig stärker als Innovationsstandort für Sicherheits- und Verteidigungstechnologien auftreten will. Bis 2031 werden europaweit Investitionen von rund zwei Billionen Euro im Verteidigungsbereich erwartet.

Zugleich wurde betont, dass Europa zwar erhebliche Summen investiert, diese aber bislang nicht immer effizient einsetzt. Der Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, Prof. Moritz Schularick, plädierte dafür, stärker in Forschung, Skalierung und industrielle Produktionskapazitäten zu investieren.

Auch neue Technologien verändern die Rahmenbedingungen: Cyber- und Informationsraum, Software-definierte Systeme, autonome Technologien und Weltrauminfrastruktur spielen eine immer größere Rolle.

Chancen für unsere MEO-Region

Für Unternehmen in der MEO-Region ergeben sich daraus mehrere konkrete Entwicklungen:

Wachsende Bedeutung von Unternehmenssicherheit und Resilienz

Themen wie Cyber-Sicherheit, Wirtschaftsschutz, Resilienz von Lieferketten oder Schutz kritischer Infrastruktur gewinnen stark an Bedeutung. Gerade in diesem Bereich sehen Unternehmen und Experten große wirtschaftliche Potenziale – deutlich stärker als im klassischen militärischen Bereich. Unternehmen aus der Region sind bereits aktiv. So waren beim Kongress in Düsseldorf mehrere Unternehmen aus MEO vertreten, darunter Secunet, Condor, INFINTEQ und Evonik.

Neue Märkte für Zulieferer und Technologieanbieter

Viele industrielle Unternehmen können als Zulieferer oder Technologiepartner in sicherheitsrelevanten Wertschöpfungsketten tätig werden – etwa in den Bereichen:

  • digitale Sicherheit
  • Sensorik und Datenanalyse
  • Drohnen- und Robotiktechnologie
  • Materialien und Spezialchemie
  • Logistik und Infrastruktur

Gerade Dual-Use-Technologien eröffnen hier neue Marktchancen.

Stärkere Rolle regionaler Netzwerke

Ein wiederkehrendes Thema bei den Veranstaltungen war die Bedeutung von Netzwerken und Plattformen. Unternehmen benötigen Orientierung, Kontakte und Austauschformate, um sich in neuen Märkten zu positionieren. Mehrere Gesprächspartner aus Wirtschaft und Innovation – darunter Vertreter von BRYCK, Condor und INFINTEQ – betonten dabei, dass die IHK eine wichtige Rolle als neutrale Plattform für Austausch, Netzwerkbildung und Wissenstransfer spielen kann.

Ruhrgebiet als Standort für Sicherheits- und Resilienzlösungen

Die Diskussionen zeigen insgesamt: Sicherheitspolitik ist längst auch Standortpolitik. Nordrhein-Westfalen und insbesondere das Ruhrgebiet verfügen über wichtige Voraussetzungen:

  • eine starke industrielle Basis,
  • leistungsfähige Forschungseinrichtungen,
  • Unternehmen in den Bereichen IT-Sicherheit, Chemie, Materialien und Industrieproduktion,
  • zentrale Infrastruktur- und Logistikstandorte.

Gerade im Bereich Unternehmenssicherheit, Wirtschaftsschutz und Resilienz sehen viele Expertinnen und Experten ein besonders großes Potenzial für die regionale Wirtschaft.

Unsere Rolle: Orientierung und Vernetzung

Für uns ergibt sich daraus eine klare Aufgabe: Entwicklungen frühzeitig einordnen, Unternehmen informieren und neue Netzwerke ermöglichen. Denn eines wurde bei allen Veranstaltungen deutlich: Die sicherheitspolitische Zeitenwende verändert nicht nur die

internationale Politik – sie verändert auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Unternehmen in Deutschland und Europa. Und damit auch für die Unternehmen in der MEO-Region.

Josephine Stachelhaus

Verfasst von:
Josephine Stachelhaus

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