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Region

IHK-TOURISMUSFORUM RUHR 2021

Punktgenau zum Restart der Branche im Revier laden die sechs Ruhr-IHKs zum Tourismusforum. In der Diskussion wird deutlich: Die Corona-Krise hat nicht nur schwere Belastungen gebracht, sondern auch neue Chancen.

„Wir sind in einer Zeitenwende“

Corona-Regeln aufgelockert, Temperaturen sommerlich: Zwar findet das IHK-Tourismusforum Ruhr 2021 im Online-Format statt, doch hat der 2. Juni den rund 100 Teilnehmern die passenden Rahmenbedingungen beschert, um über positive Perspektiven zu sprechen. NRW-Wirtschaftsminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart blickt zunächst zurück, um die Widerstandskraft und die Kreativität zu würdigen, die viele Unternehmen unter den Belastungen der Corona-Krise gezeigt haben. Trotz Wirtschaftshilfen könnten die Schäden nicht vollumfänglich ausgeglichen werden, weil sie auch ideeller Art seien, betont der Minister, und fügt an: „Das war eine ganz schwere Zeit, und ich bin dankbar, dass sie von der Branche genutzt worden ist, neue Konzepte zu entwickeln.“ Dirk Podubrin, Geschäftsführer der Alma-Park GmbH, gibt ein Beispiel. Er betreibt auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Alma in Gelsenkirchen einen der größten Indoor-Freizeitparks Deutschlands.

Bei den Gästen besonders beliebt: die Escape-Räume. Sie stecken voller Rätsel, und wer aus eigener Kraft den Ausgang finden will, muss sie schnell lösen. Als allerdings im Lockdown die ganze Halle abgeschlossen werden muss, suchen Podubrin und sein Team selbst nach Lösungswegen Richtung Umsatz. Sie beschließen, das Konzept der Rätsel-Challenge in ein digitales Produkt zu transformieren und groß rauszubringen: an die frische Luft. „Sir Peter Morgan“, ein fiktiver Privatdetektiv, der auch in einem Escape-Raum für Aufgaben und Beistand sorgt, bittet jetzt zur Rätsel-Tour durchs Revier. Mit Smartphone im Gepäck haben Ruhrgebiets-Entdecker auch draußen einen guten Draht zu „Sir Peter“ und gelangen zu manchem schönen Ort, der abseits des Mainstreams liegt und viel Stoff für eine spannende Geschichte bietet. „Es ist eine Mischung aus Schnitzeljagd 2.0, Stadtrally und Sightseeing-Tour“, erklärt Podubrin. Die Geschäftsidee hat eingeschlagen, das Konzept soll ausgeweitet werden.

„Längst sind auch digitale Events aus dem Branchen-Portfolio nicht mehr wegzudenken“

Laptop und Liegestuhl

Dirk Podubrin hat umgesetzt, was Florian Bauhuber vom „Netzwerk Tourismuszukunft“ der Branche empfiehlt: Jetzt etwas Neues auszuprobieren und die Kunden auch auf digitalem Weg anzusprechen. Ohnehin haben sich deren Erwartungen an den Digitalisierungsstand im Zuge der Corona-Krise deutlich erhöht, wie der Experte berichtet. Demnach haben sich das kontaktlose Bezahlen, der Online-Check-In und somit die Verwendung der digitalen Identität schon fast als Standard etabliert, wie eine Studie des Digitalverbandes bitkom zeigt. Längst sind auch digitale Events aus dem Branchen-Portfolio nicht mehr wegzudenken.

Zudem verstärkt sich der Trend, Arbeit und Freizeit zu verknüpfen. Laptop und Liegestuhl: Immer mehr Menschen finden, dass beides gut zusammenpasst – für die Branche eine Chance. Besucherlenkung ist laut Bauhuber ein weiterer wichtiger Einsatzbereich für digitale Instrumente. Wie sieht es am touristischen Standort jetzt gerade aus, wo ist noch ein Parkplatz frei? Die kundenfreundliche Destination sendet künftig Antworten in Echtzeit auf das Smartphone. Solche Services würden die Destination Ruhrgebiet weiterbringen, setzen aber Open Data und Künstliche Intelligenz in der Datenverarbeitung voraus, wie Bauhuber erklärt.

Angebote sichtbar machen

Genau deshalb hat die Ruhr Tourismus GmbH (RTG), eine 100-prozentige Beteiligung des Regionalverbandes Ruhr, das Projekt „Metropole Ruhr: Digitale Modelldestination NRW“ angeschoben. Es wird vom Land NRW sowie von der EU gefördert und soll die Entwicklung digitaler Instrumente für das regionale Destinationsmanagement unterstützen. „Wir sind in einer Zeitenwende und müssen uns für neue Strukturen öffnen“, betont RTG-Geschäftsführer Axel Biermann. Es gehe darum, alle touristischen Angebote der Region im digitalen Raum sichtbar zu machen und somit dem wachsenden Kundenkreis entgegenzukommen, der auf digitalem Weg recherchieren, buchen und bezahlen will.

Generell gelte es, Flagge zu zeigen, und zwar am besten sofort, mit dem Neustart der Branche. „Weil auch in diesem Jahr der Deutschland-Tourismus voll im Fokus steht und wir mitten im Wettbewerb der Aufmerksamkeit sind“, begründet Biermann und verweist auf gezielte Marketingmaßnahmen der RTG in relevanten Quellmärkten. „Wir können in diesem Sommer mit extrem guten radtouristischen Angeboten punkten, sind als erste urbane Radregion zertifiziert worden“, berichtet er und hat somit die Brücke zum Thema Nachhaltigkeit geschlagen – neben der Digitalisierung der andere Megatrend im Branchengeschehen.

Fußball im Fokus

Doch die RTG will noch mehr ins Rollen bringen. Geht es um Fußball, kann das Revier gleich mehrere legendäre Flaggen zeigen, dazu spannende Orte und glanzvolle Geschichten. Dieses touristische Potenzial will Biermann, im Zusammenspiel mit weiteren Akteuren, heben. „Zehn Millionen Menschen sind an Fußballreisen interessiert, an diesen Kundenkreis wollen wir ran“, sagt der RTG-Chef und erhält Unterstützung von Haakon Herbst. Der Hotelier und Präsident des DEHOGA Nordrhein hat einen neuen Quellmarkt im Visier: Großbritannien, das Mutterland des Fußballs.

Die Runde ist sich einig: Mit einem Angebot an Fußballreisen würde das Ruhrgebiet eines seiner stärksten Argumente ausspielen: Authentizität. Laut Biermann könnten somit sogar drohende Rückgänge im MICE-Geschäft (Meetings, Incentives, Conventions, Events) kompensiert werden. Im Zuge der Corona-Pandemie sind zahlreiche Veranstaltungen dieses Bereichs in den digitalen Raum verlegt worden. Jetzt befürchtet die Tourismusbranche, dass auch nach der Krise vieles im Online-Format weiterläuft und weniger Reisen anfallen.

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Speisen auf Reisen

Markus Riepe allerdings, vom Familienunternehmen der „Riepe Privat Hotels“ mit fünf Betrieben im Raum Dortmund, kann das zurzeit nicht bestätigen: „Die Leute rufen uns wieder vermehrt an, sie wollen sich einfach sehen“, berichtet der Hotelier. Tanja Kramer von der Event-Agentur KAD jedenfalls ist auf Anfragen zu digitalen oder hybriden Events vorbereitet: Das Unternehmen hat Live-Streams und andere Digitalformate ins Produktionsportfolio aufgenommen. Ihr Team hat die veranstaltungsfreie Zeit im vergangenen Jahr genutzt, um am Standort Zeche Ewald in Herten ein Studio aufzubauen.

Auch Eventgastronom Frank Schwarz, Geschäftsführer der in Duisburg ansässigen Frank Schwarz Gastro Group GmbH, geht mit einer frischen Idee aus dem Lockdown. Er hat gemeinsam mit einem Maschinenbauer ein Verpackungssystem entwickelt, damit Speisen auf Reisen gehen können, ohne an Geschmack zu verlieren. Gastronom Uwe Suberg, Betreiber mehrerer Gastronomien in Recklinghausen, Marl und Haltern, weist auf eine weitere Chance hin, die im Neustart liegt: Die touristischen Leistungsträger können ihre Netzwerkarbeit verstärken, um gemeinsam noch mehr für den Tourismus im Revier zu bewegen.

„Wir müssen Klischees abstreifen und das neue, moderne Ruhrgebiet zeigen“

Modernes Ruhrgebiet

Dass sich Dienstleister aus der Reisebranche bereits zusammengeschlossen haben, um die Attraktivität ihrer Angebote zu steigern und neue Zielgruppen anzusprechen, berichtet Dr. Fritz Jaeckel, Hauptgeschäftsführer der derzeit federführenden IHK Nord Westfalen. Sowohl er als auch NRW-Wirtschaftsminister Prof. Dr. Pinkwart betonen, dass in der Positionierung und Imagebildung der Destination noch ein Wegstück zu gehen ist. “Wir müssen Klischees abstreifen und das neue, moderne Ruhrgebiet zeigen“, fordert Pinkwart und nennt unter anderem Innovation, Klimaschutz, Kultur und Sport als Facetten.

Zuwenig werde auch das Naturerlebnis gesehen, das sich im Ruhrgebiet biete, weiß Jaeckel. Noch immer werde die Region von vielen mit rauchenden Schloten assoziiert, obwohl diese Zeiten längst vorbei sind. „Wir müssen den Umbau vermarkten, der hier stattgefunden hat, dann werden wir unsere Chancen finden“, sagt der IHK-Hauptgeschäftsführer, der den Unternehmen im Neustart nach der Corona-Krise Unterstützung signalisiert: „Wir sind in einer schwierigen Phase und müssen viele Dinge angehen, als IHKs im Ruhrgebiet stehen wir Ihnen dabei zur Seite“, verspricht Jaeckel.

Dominik Dopheide

Stefanie Seimer

Verfasst von:
Stefanie Seimer

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