Mit Pop-up-Konzepten den Einzelhandel neu denken
Rüttenscheid gehört zu den lebendigsten und abwechslungsreichsten Stadtteilen Essens. Entlang der Rüttenscheider Straße prägt eine gelungene Mischung aus Gastronomie und inhabergeführtem Einzelhandel das Bild – große Ketten sind hier eher die Ausnahme als die Regel.
Stattdessen lebt das Viertel von persönlichem Engagement, kurzen Wegen und einem starken Netzwerk aus Händlerinnen und Händlern, Gastronomen, Kulturschaffenden und Initiativen. Zahlreiche Veranstaltungen, Nachbarschaftsaktionen und Formate wie der Quartierswalk stärken diese Verbindungen zusätzlich: Sie machen Betriebe sichtbar, fördern den Austausch untereinander und schaffen direkte Kontakte zu potenziellen Kundinnen und Kunden sowie wichtigen Multiplikatoren.
Familien, Senioren, Kreative und innovative Unternehmen sorgen gemeinsam für eine offene, vielfältige Struktur – und schaffen damit beste Voraussetzungen für einen Einzelhandel, der mehr ist als reine Versorgung: ein Stück gelebte Stadt.
Im Rahmen der Handelsimpulse fand der erste Quartierswalk statt: Dieses Mal in Rüttenscheid. Die Handelsreferenten der Ruhr-IHKs luden Handelsunternehmen und Multiplikatoren ein, sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen und von den Best Practice-Beispielen zu lernen. Die Nachfrage war groß: Bereits nach kurzer Zeit waren sowohl die Teilnehmer- als auch die Warteliste belegt. Dr. Rolf Krane, Vorsitzender der IG Rüttenscheid, führte die rund 30 Akteure durch sein Viertel und gab einen Einblick hinter die Kulissen.
Der Walk begann mit einem Coffee-to-go bei den Coffee Pirates am südlichen Ende der Rüttenscheider Straße. Seit 2009 betreiben Christina und Patrick Schiller dort eine Rösterei und Kaffeebar. Was zunächst im kleinen Rahmen begann – mit einer einzelnen Rösttrommel und viel persönlichem Einsatz – hat sich über die Jahre zu einem festen Bestandteil der lokalen Kaffeeszene entwickelt.
Das Unternehmen ist gewachsen, ohne dabei seine Ursprünge aus dem Blick zu verlieren: handwerkliches Rösten, ein direkter Bezug zu den Bohnen und ein bewusst gestalteter Umgang mit Herkunft und Verarbeitung. „Für uns war Kaffee von Anfang an mehr als ein Getränk. Es geht darum, die Geschichte hinter jeder Bohne zu verstehen und verantwortungsvoll damit umzugehen – vom Ursprung bis in die Tasse“, sagt Christina Schiller. Faire Handelsstrukturen, Transparenz entlang der Lieferketten und nachhaltige Produktionsweisen sind fester Bestandteil ihrer täglichen Arbeit.
Von dort aus ging es weiter zu Pfeffers Fashion: Melanie und Thilo Pfeffer bieten Mode im gehobenen Segment und haben viele Premium-Casual-Marken im Programm, die es nur dort exklusiv in Essen gibt. Der enge Kontakt zu Stammkunden, persönliche Shopping-Termine und viele Veranstaltungen steigern die Kundenbindung. „Viele unserer Kundinnen und Kunden kommen ganz bewusst zu uns, weil sie wissen, dass sie hier nicht einfach nur einkaufen, sondern auch Menschen antreffen, die sie kennen und die sich Zeit für sie nehmen“, sagt Melanie Pfeffer. Sie oder ihr Mann sind immer persönlich vor Ort und für die Kunden da. „Oft entsteht der erste Kontakt über Social Media – und im Laden wird daraus dann ein echtes Gespräch, manchmal sogar ein Einkaufs-Erlebnis mit Musik, einem Getränk und einfach einer guten Atmosphäre. Genau das macht für uns den Unterschied.“
Weiter ging es mit noch mehr Mode, allerdings für eine deutlich jüngere Zielgruppe: Bei Charlie & Lu gibt es ausgewählte Kindermarken, die nachhaltig und qualitativ besonders hochwertig sind. Sarah und Jan-Philip Ziebold haben sich über das Konzept viele Gedanken gemacht: In den Umkleidekabinen gibt es digitale Lernspiele für die Kleinen, einen „Männerparkplatz“ im Innenhof neben der Bier- und Champagnerbar – und so viel Zeit für die Mamis, in Ruhe zu stöbern und sich beraten zu lassen. In Rüttenscheid funktioniert der Einzelhandel durch viel Kreativität und Individualität, doch auch hier spürt man den Druck des Onlinehandels, steigende Mieten und verändertes Kaufverhalten.
Für Jan-Philip Ziebold liegt die Antwort nicht in perfekten Instagram-Feeds oder digitalen Hochglanzwelten, sondern im echten Kontakt. „Menschen kaufen bei Menschen. Wir schaffen keine Glanzwelten bei Social Media, sondern sind authentisch. Wir zeigen unseren Kunden unseren Unternehmensalltag, auch mal, wie der Chef unter dem Tisch versucht, das WLAN zu reparieren“, sagt Jan-Philip Ziebold.
Entscheidend sei das Erlebnis vor Ort, das Gespräch, das Anfassen, das Überraschungsmoment. Den gestalteten Innenhof stellt er kostenfrei für Treffen von Mama-Gruppen zur Verfügung. Das Netzwerk, der Austausch und die Bindung an den Stadtteil stehen im Vordergrund. „Ich komme zwar nicht aus Essen, bin aber ein Lokalpatriot.“ Er hat mehrere Ladenlokale auf der Rüttenscheider Straße gekauft und vermietet sie günstig an junge Unternehmer.
„Ein Investor aus Stuttgart interessiert sich nicht, wer die Miete zahlt, wir hier vor Ort kümmern uns aber um den Stadtteil und möchten kreative und hochwertige Unternehmen anlocken.“ So kam auch die Idee für die Manufakt.Ruhr zustande, wo er Mit-Investor ist.
Das Konzept versteht sich bewusst als Gegenpol zum Onlinehandel. Nicht alles ist jederzeit verfügbar, manches gibt es nur kurz.
Wer etwas Besonderes möchte, muss vorbeikommen – und im Zweifel schnell sein. „Diese Knappheit erzeugt Neugier und Wertschätzung“, so der Unternehmer. „Und sie sorgt dafür, dass Menschen wiederkommen.“


»Wir sind kein Concept Store von der Stange.«
Jan-Philip Ziebold
Mit-Investor von Manufakt.Ruhr
Viele Manufakturen, eine gemeinsame Bühne
Bei Manufakt.Ruhr sind über 100 kleine regionale Manufakturen aus dem Ruhrgebiet zusammengeschlossen. Viele von ihnen könnten alleine keinen eigenen Laden betreiben – sei es wegen geringer Stückzahlen oder fehlender Ressourcen. Gemeinsam jedoch entsteht ein starkes, vielfältiges Angebot. Dazu zählen unter anderem ein Messerschmied, ein Kerzenhersteller oder die neue regionale Weinmarke „Grubentraube“. Bislang gibt es hier ein Weiß- und Rotweincuvée, einen Roséwein und eine alkoholfreie Variante. Für die Zukunft sind auch Stadtteil-Editionen geplant, also z. B. ein Weißwein aus Bredeney oder Kettwig.
Ergänzt wird das Sortiment durch typische Mitnahmeartikel wie Magnete, Designobjekte oder kleine Ruhrgebiets-Souvenirs. „Wir sind kein Concept Store von der Stange“, betont Ziebold. „Jedes Produkt erzählt eine Geschichte – von der Region, von Handarbeit, von Menschen.“
Ruhrkultur, Kunst und soziale Verantwortung
Ein weiteres zentrales Element ist die enge Verbindung zu Ruhrkultur, Kunst und sozialem Engagement. Manufakt.Ruhr arbeitet regelmäßig mit noch unbekannten Künstlerinnen und Künstlern zusammen und unterstützt Behindertenwerkstätten dabei, ihre Produkte zu vertreiben.
Karitative Kooperationen sind fester Bestandteil des Konzepts – nicht bloß ein Marketing-Add-on.
„Lokalpatriotismus ist für uns nichts Altmodisches, sondern Identität“, sagt Ziebold. „Wir zeigen, was das Ruhrgebiet kann – kreativ, solidarisch und ehrlich.“ Ergänzt wird die Verkaufsfläche durch das Fernweh-Atelier der Reisebüro Dr. Tigges GmbH – ein neuartiges Beratungskonzept für hochwertige, individuelle Fernreisen. Hier erwartet Besucher eine stilvolle, tropisch inspirierte Atmosphäre mit Lounge, Bali-Design und separatem Beratungsraum.
Pop-up statt Dauerverfügbarkeit
Um dauerhaft attraktiv zu bleiben – sowohl für Kundinnen und Kunden als auch für Anwohner – sieht Jan-Philip Ziebold eine große Chance in Pop-ups: zeitlich begrenzte Flächen, oft verbunden mit Events, Musik und offener Atmosphäre.
„Ein Pop-up ist kein Notnagel, sondern ein Statement“, erklärt Ziebold. „Es geht darum, einen Anlass zu schaffen, vorbeizukommen.“ Damit solche Konzepte langfristig funktionieren, sieht Ziebold auch die Stadt in der Pflicht: mehr Unterstützung bei temporären Flächen, niedrigschwellige Zugänge für junge Unternehmen und weniger Bürokratie. „Wenn Städte wollen, dass Innenstädte lebendig bleiben, müssen sie Räume schaffen“, sagt er. „Gerade Pop-up-Konzepte brauchen Flexibilität – und Kommunen, die mitdenken.“ Für Stadtteile wie Rüttenscheid könnten solche Ansätze eine echte Chance sein: weniger austauschbare Ketten, mehr lokale Handschrift.
»Gerade Pop-up-Konzepte brauchen Flexibilität – und Kommunen, die mitdenken.«
Anschließend führte der Rundgang Richtung Norden in den Christinenpark – eine grüne Oase mitten in Rüttenscheid. Über das Café Miamamia gelangten die Teilnehmer in den Außenbereich, der mit Sitzplätzen für Eltern sowie einem angrenzenden Spielplatz eine entspannte Atmosphäre bietet. Die Parkanlage wird von mehreren Gastronomen gemeinsam genutzt und belebt. Zurück zur Rüttenscheider Straße ging es durch die Cocktailbar Gin & Jaggers. Der Rüttenscheider Markt präsentierte sich an diesem Mittwoch nur in kleinerer Besetzung – samstags ist er deutlich lebendiger. Dennoch bot sich die Gelegenheit, mit regionalen Händlern ins Gespräch zu kommen und besondere Lebensmittel kennenzulernen.
Den Abschluss bildete ein Get-together im Café Extrablatt. Dort stellte Dr. Rolf Krane die vielfältigen Aktivitäten der Interessengemeinschaft Rüttenscheid vor und gab Impulse für eine lebendige Gemeinschaft und erfolgreiches Veranstaltungsmanagement. „Ich finde es schön, wenn viele Menschen nach Rüttenscheid zu Veranstaltungen kommen – wichtig ist mir aus IGR-Sicht aber die Berichterstattung in den Medien“, so Krane. Darüber hinaus gab er einen Einblick in seine persönliche Motivation: „Mein höchstes Ziel ist das Leben im Viertel. Wir möchten ein Wir-Gefühl schaffen, die Menschen sollen gerne hier wohnen und sich wohlfühlen.“
Warum ein Quartierswalk?

Für Unternehmen vor Ort:
- Erhöhte Sichtbarkeit und direkte Präsentation des eigenen Konzepts
- Neue Kundenkontakte und Aufmerksamkeit durch Multiplikatoren
- Stärkung des lokalen Netzwerks und Kooperationen
- Möglichkeit, sich als Best Practice zu positionieren
Für Teilnehmende:
- Einblick in erfolgreiche Einzelhandelskonzepte
- Austausch mit Unternehmen und Branchenakteuren
- Inspiration für eigene Strategien und Formate
- Verständnis für Standortentwicklung und Kundenbindung


